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Das griechisch-römische Ägypten – ein „besonderes“ Stück Antike?

Das Lehr- und Forschungsprofil der Basler Alten Geschichte ist wesentlich durch Forschungen zum griechisch-römischen Ägypten geprägt. Mit der Eroberung durch Alexander den Grossen 332 v. Chr. wurde Ägypten zusammen mit weiten Teilen des Nahen und Mittleren Ostens Teil des erweiterten griechischen Kulturraums. Hier etablierte sich zunächst in unmittelbarer Nachfolge Alexanders die griechisch-makedonische Dynastie der Ptolemäer (323–30 v. Chr.). Deren letzte Vertreterin, Kleopatra VII., unterlag inmitten der Wirren der Römischen Bürgerkriege schliesslich den Truppen Octavians, des späteren Kaisers Augustus. Ägypten wurde 30 v.Chr. römische Provinz und blieb von einigen kürzeren Episoden abgesehen die nächsten fast 700 Jahre lang bis zur arabischen Eroberung 642 n. Chr. durchgängig ein Teil des Imperium Romanum.

Ein Fenster in die antike Welt

Neben seiner individuellen reichhaltigen und wechselvollen Geschichte nimmt das griechisch-römische Ägypten jedoch vor allem aufgrund seiner einzigartigen Quellenlage eine besondere Stellung unter den Kulturräumen der antiken Welt ein, denn von hier haben sich hunderttausende von Papyri erhalten! Papyrus – gewissermassen das „Papier der Antike“ – wurde bis zum Aufkommen des Hadernpapiers im 8. Jahrhundert n. Chr. im gesamten antiken Mittelmeerraum für schriftliche Aufzeichnungen aller Art verwendet.

Für die Geschichtsforschung sind dabei insbesondere die sogenannten dokumentarischen Papyri von Bedeutung: Texte, die für das tägliche Leben bestimmt waren, und die daher keiner der antiken oder mittelalterlichen Gelehrten je für überlieferungswürdig hielt. Diese Texte erzählen uns von den antiken Menschen jenseits von Platon, Caesar und Augustinus – von den 99 % der Bevölkerung, die keine Bücher geschrieben haben und über die kein antiker Schriftsteller berichtet hat. Papyri sind in dieser Hinsicht anderen dokumentarischen Quellengattungen (wie den Inschriften oder den Münzen) verwandt, dringen aber noch unmittelbarer in das individuelle Leben weiter Bevölkerungsteile vor.

Der historische Wert der Papyri

 Der historische Wert wie auch der Reiz der Arbeit mit papyrologischen Quellen lässt sich an einem vielzitierten Beispiel erläutern: Man stelle sich einen modernen Papierkorb vor mit all den alltäglichen Notizen und vermeintlichen Belanglosigkeiten, die er enthält, die aber illustrativ für die jeweilige Gesellschaft sind: Einkaufszettel, Steuererklärungen, Briefentwürfe, Memos, vielleicht gar Druckseiten für ein Buch oder ähnliches – genau solches zeigen uns auch die Papyri. Im Gegensatz zu den „traditionellen“ literarischen Quellen, die uns meist die Gedankenwelt der Elite präsentieren, ermöglichen die Papyri daher Einblicke in das Berufs- und Sozialleben breiterer Bevölkerungsschichten.

Vor allem sehen wir in ihnen tausende von individuellen Schicksalen einfacher Menschen dokumentiert, über die wir sonst kaum etwas in vergleichbarer Eindringlichkeit erfahren. Das Spektrum der Texte ist so breit wie das antike Leben und umfasst etwa: den Kreditvertrag eines Bauern, der sich für den Kauf eines Landgutes verschuldet; den Brief eines Sohnes an seinen Vater, der von der Freude über ein nahes Fest kündet; einen Ehevertrag; oder aber die Notiz eines Beamten, der sich in derber Sprache bei seinem Kollegen über den gemeinsamen Vorgesetzten beklagt. Andere, vermeintlich „trockene“ Texte wie meterlange Rollen von Landregistern und unzählige nahezu wortgleich formulierte Steuerquittungen verraten uns viel darüber, wie sich vormoderne Gemeinschaften auf der lokalen Ebene organisierten.

 Diese unschätzbaren Dokumente haben sich nur in Ägypten (sowie in ganz vereinzelten Orten Vorderasiens) erhalten, was vor allem den klimatischen Bedingungen geschuldet ist, da das organische Material sehr empfindlich ist und vom heissen und trockenen Wüstensand vergleichsweise gut konserviert wurde. Gleichartige Texte wurden jedoch jedes Jahr millionenfach im griechischen Kulturraum und im gesamten Römischen Reich geschrieben und die Relevanz der aus den Papyri gewonnenen Erkenntnisse auch über Ägypten hinaus, insbesondere für die anderen Provinzen des Römischen Reiches, ist gerade in letzten Jahrzehnten eindrucksvoll unterstrichen worden.

So zeigen sich uns im griechisch-römischen Ägypten viele Phänomene und Entwicklungen, über die wir aus anderen antiken Regionen weniger oder fast gar keine Informationen haben. Besonders wertvoll ist zudem die einzigartige Menge an Vergleichsmaterial, durch die es uns die Papyri ermöglichen, ein zumindest in Ansätzen repräsentatives Bild einer antiken Gesellschaft zu gewinnen. Papyri sind zu Hunderttausenden überliefert und ruhen heute in zahlreichen Sammlungen auf der ganzen Welt – die grössten davon in Kairo, Oxford und Wien. Während der Bestand der heute bekannten literarischen Quellen im Grossen und Ganzen konstant bleibt, ist die grosse Mehrheit der Papyri noch gänzlich unerschlossen und verspricht fortlaufend neue Erkenntnisse!

Forschen zum griechisch-römischen Ägypten in Basel

Der Standort Basel bietet einzigartige Voraussetzungen für Studierende und Forschende, sich diesem Themengebiet zu widmen. Nicht nur wirken zahlreiche junge wie auch etablierte Forschende in Basel; auch konnten in den letzten Jahren durch nationale und internationale Förderung mehrere ambitionierte und erfolgreiche Forschungsprojekte am Fachbereich etabliert werden, die auch bereits Studierenden aktive Mitarbeit und erste Einblicke in die Forschungspraxis ermöglichen. Konferenzen und Workshops lockten bereits zahlreiche ExpertInnen und NachwuchswissenschaftlerInnen aus der ganzen Welt nach Basel. Und schliesslich werden sowohl zum griechisch-römischen Ägypten als auch zur papyrologischen Grundlagenarbeit jedes Semester Lehrveranstaltungen angeboten, doch spielen papyrologische Quellen natürlich ebenso in breiter angelegten Seminarthemen eine wichtige Rolle – beispielsweise zur antiken Alltagsgeschichte, zum frühen Christentum, zur Familiengeschichte, zur Wirtschaft oder zur antiken Demographie.

Infrastrukturell bietet der am Departement Altertumswissenschaften angesiedelte Fachbereich Alte Geschichte vielfältige Kooperationsmöglichkeiten mit den benachbarten Disziplinen, vor allem der Ägyptologie, der Klassischen Archäologie und der Gräzistik. Zudem beherbergt der Heimatbau des Departements am Basler Petersplatz die umfangreichste altertumswissenschaftliche Bibliothek im deutschsprachigen Raum. Nicht zuletzt verfügt Basel auch über eine eigene Papyrussammlung, in der sich unter anderem der älteste bekannte christliche Privatbrief der Welt befindet, und unterhält enge Kooperationen mit benachbarten Sammlungen, vor allem in Strassburg und Genf.